An manchen Kreuzungen stehen Fußgänger und Radfahrer fast nebeneinander und bekommen trotzdem nicht zwingend dasselbe Signal. Die StVO unterscheidet besondere Lichtzeichen für beide Verkehrsarten. Zwei Menschen können also am praktisch gleichen Straßenrand stehen und trotzdem auf verschiedene kleine Figuren schauen.
Nachts um halb zwölf, keine Autos weit und breit, Fußgängerampel rot.
Ich bleibe stehen.
Dann kommt jemand anderes, bleibt neben mir stehen und wir warten beide schweigend auf Erlaubnis, eine komplett leere Straße zu überqueren.
In solchen Momenten fühle ich mich sehr regelkonform und gleichzeitig ein bisschen albern.
„Es kommt doch kein Auto“ funktioniert am besten auf einer Straße, die man komplett überblicken kann.
An einer großen Kreuzung sieht man vielleicht nur den Teil des Verkehrs, der gerade offensichtlich ist.
Eine Ampel ist manchmal auch einfach die Abkürzung dafür, nicht jedes Mal selbst die gesamte Kreuzung neu beurteilen zu müssen.
Rote Ampel.
Zwei Minuten warten.
Dann den Knopf entdecken.
Knopf drücken.
Offenbar hatte die Ampel die ganze Zeit ebenfalls auf mich gewartet.
Wenn ich nicht gerade einen Zug erreichen muss, stören mich dreißig Sekunden rote Ampel inzwischen erstaunlich wenig. Kurz stehen, nichts entscheiden, Straße anschauen. Vielleicht ist das eine der wenigen Pausen, die eine Stadt einfach ungefragt in den Tag einbaut.
Ich bleibe bei Rot meistens einfach stehen, auch wenn die Straße gerade leer aussieht.
Nicht weil ich glaube, dass diese dreißig Sekunden besonders gefährlich wären.
Ich finde es nur entspannter, nicht bei jeder Ampel neu mit mir selbst darüber zu verhandeln, ob die Regel heute wirklich nötig ist.
Erste Fahrbahn bei Grün geschafft, auf der Mittelinsel angekommen, zweite Ampel rot. Optisch wollte man nur einmal über die Straße. Verkehrstechnisch hat man offenbar gerade einen Anschluss verpasst.
Als Fußgänger kann eine rote Ampel absurd wirken, wenn direkt vor einem minutenlang keine sichtbare Bewegung stattfindet.
Die Anlage regelt aber mehr als den zwei Meter breiten Straßenabschnitt, den man gerade überqueren möchte.
Das macht das Warten nicht kürzer. Es erklärt nur, warum die eigene Perspektive nicht unbedingt der komplette Verkehrsplan ist.
Fünf Menschen stehen an einer roten Fußgängerampel.
Einer schaut links, schaut rechts und geht.
Plötzlich überprüfen auch die anderen vier noch einmal sehr interessiert die Straße.
Ampelphasen haben offenbar eine kleine soziale Komponente.
Wenn ich allein bin und wirklich kein Auto kommt, gehe ich manchmal bei Rot.
Wenn ein Kind danebensteht, warte ich plötzlich.
Offenbar hängt meine persönliche Straßenverkehrsmoral auch vom Publikum ab.
Anmelden, um einen Eintrag zu schreiben.